Die EU erweitert sich ja rasend schnell. Und irgendwie haben wir alle doch keine Beziehung zu den neuen Ländern, wie auch? Meine Unterstufen-Ausbildung in Geographie bestand noch darin, daß das da drüben alles der böse Osten sei, abgetrennt mit unüberwindbaren Grenzen, stur, gefährlich und einfach nur nicht weiter interessant, weil wirtschaftlich am falschen Kurs.
Seit dem Fall des ganzen Ostblocks da ist vieles anders geworden. Ich war schon in Ungarn, aber das zählt nicht so richtig. Zeit für eine Aussöhnung mit dem Osten. Zeit für... Bulgarien!
Und die Gelegenheit ist günstig, kenn ich doch jemanden der dort Verwandte hat. Im Gespräch mit Fräulein S. schmiede ich den spontanen Plan, mich für 4 Tage nach Bulgarien zu begeben. Damit es gleich authentischer ist, verbringe ich diese Zeit allerdings nicht in Sofia, das als Hauptstadt ja vielleicht schon verwestlichter ist, nein es zieht mich in eine kleinere Stadt noch weiter im Osten. Plovdiv (http://de.wikipedia.org/wiki/Plowdiw) ist eine Stadt mit einer langen Geschichte, die jedoch von Bausünden der kommunistischen Zeit zum Teil bedeckt ist. Bedeutendster Hinweis darauf ist der Umgang mit einem 180m langen Stadium aus der Römerzeit, was vollständig mit Bauten der neueren Zeit bedeckt wurde, und dessen eines Ende erst in dern 80ern "entdeckt" wurde. Kann mir doch keiner erklären, daß sie das Ding nicht schon immer gekannt aber einfach ignoiert haben!
Ansonsten waren die Türken dort mal lange die Herrscher, und zwar fast 500 Jahre lang. Alexander der Große nannte die Stadt Philippopolis, und die Rämer kannten sie unter dem Namen Trimontium. Ansonsten gibt es nicht viel zu sehen, die Umgebung der Stadt ist geprägt von industriellen Flächen und Plattenbauten. Wie überall in Bulgarien sind diese Bausündern wahrscheinlich die letzte markante Erinnerung an die Nachkriegsjahre und den Kommunismus.
Mit dem Bus von Sofia sind es knapp 2 Stunden Fahrt. Die Anreise mit der Bahn dauert eine Dreiviertelstunde länger. Aufgrund diverser Kommunikationsprobleme war es aber gar nicht leicht, den Weg vom Flughafen bis zum Busbahnhof zu finden. Zum Glück lernte ich im Rahmen einer kurzen Diskussion über Fahrkarten im Bus zwei sehr nette Österreicherinnen kennen, die mir freundlicherweise Begleitung anboten, und mit deren Stadtführer wir uns zumindest zu Fuß durch die Stadt tasten konnten.
Nicht daß die Menschen nicht alle sehr freundlich wären. Aber Fremdsprachen sind noch ein Problem, außer man kann russisch, und am Flughafen fand sich einfach keine Touristeninformation, das Maximum war ein Schalter zum Geldwechseln und mindestens 4 Auto-Verleihe.
Sofia selbst ist eine noch etwas ost-lastige Stadt, gleichzeitig aber finden sich bereits auffällig viele westliche Firmen auf Fischzug. Das führt zu einer fast schon überladenen Ausstattung der Stadt mit Werbetafeln, Plakaten etc. für teure westliche Marken. Daneben finden sich noch heruntergekommene Hinterhöf und viele streunende Hunde und Katzen.
Die Hunde übrigens haben offenbar gelernt, gut mit den Menschen auszukommen. Sie ignorieren Menschen im Allgemeinen, und sind schlau genug, dem Straßenverkehr auszuweichen. Damit hatte ich schon manchmal Probleme, wie geht es dann erst einem Hund damit...
Nach einer kleinen Besichtigungstour machte ich mich dann zwar später als geplant aber doch ohne weitere Schwierigkeiten mit de Bus nach Plovdiv auf. Der kostet für ca. 200km Fahrt 12 Lewa, das entspricht ziemlich genau € 6,- Preislich sieht es so aus, daß gewisse Dinge spottbillig sind, manche dagegen schon fast westliches Niveau erreicht haben.
Es stellt sich allgemein die Frage, ob man Bulgarien und Rumänien nicht zu früh in die EU gelassen hat. Wenn man hier so durch die Straßen geht, drängt sich einem der Gedanke auf, daß die Ländern nur aufgenommen wurden, um billige Märkte zu erschließen und Möglichkeiten, Produktion auszulagern. Denn die Bewohner hier profitieren wahrscheinlich erst in einigen Jahren wirklich davon, vorher heißt es schwerer arbeiten und wahrscheinlich nicht mehr dafür bekommen.
In Plovdiv selber lasse ich mich dann mit dem Taxi zu Hotel bringen. Das Hotel ist angenehm westlich, sehr sauber und macht einen sehr netten Eindruck. Inmitten des Stadtzentrums befinde ich mich gleich um die Ecke einer Einkaufsstraße. Vergleichbar etwa, wenn man in Wien im Hotel Sacher wohnen würde. Das Einzelzimmer kostet hier mit Frühstück auch € 50,- sicher teurer als notwendig, aber Spontanität hat auch ihre Nachteile, für eine ausgewogene Hotelsuche war wenig Zeit und schließlich wurde es mir auch von der lokalen Bekanntschaft empfohlen.
So habe ich mich in Plovdiv umgesehen. Und dabei einige Fotos gemacht, die Ihr im weiteren hier findet:
http://bin.org.in/fotos/
Achtung, ist ein Haufen, gehört och irgendwann sortiert....
Jedenfalls, und das ist für mich doch ein wesentlicher Punkt, auch wenn sich die Investitionen hier derzeit nur auf die besseren Lagen beschränken, es wird gearbeitet. Vielleicht dabei geschmiert, vielleicht auch Schwarzarbeit. Aber die Sauberkeit und das Ortsbild sind wesentlich besser, als ich erwartet habe. Es wird lange dauern, die Standards flächendeckend zu erreichen, aber ich finde, der Weg hat schon begonnen. Und das immerhin schon vor dem EU-Beitritt. Ich glaube, Bulgarien ist auf dem richtigen Weg, sofern man sich nicht allzusehr in die Abhängigkeit der ausländischen Firmen begibt. Und die latente Gefahr lauert überall, man beachte (z.T. auch auf den Fotos) nur die arg hohe Verbreitung von Raiffeisen- und anderen westlichen Banken. Wer das Geld verleiht, der bestimmt auch die Richtung. Hoffen wir, daß es hier nicht nur um die Fahrkarte in den ewigen Konsumhimmel geht sondern auch um Produktion und Vermarktung.
F.